Funktionieren Operationen?

Woher weiß man, ob ein Medikament wirksam ist? Die Wirksamkeit von Medikamenten wird getestet, indem man Gruppen von Menschen dieses Medikament verabreicht, einer anderen gar nicht und einer dritten ein sog. Placebo. Ein Placebo ist eine Pille, die keinerlei Wirkstoff enthält und, wenn überhaupt, eine Wirkung durch puren Glauben an die Wirksamtkeit entfaltet. Ein wirksames Medikament muss in statistisch signifikanter Weise wirksamer sein, als nichts oder ein Placebo. 

 

Angenommen, ihr Arzt würde Ihnen ein Medikament geben wollen, von dem bekannt ist, dass es starke "Neben"wirkungen hat, aber von dem nie getestet wurde, ob es gegenüber einem Placebo oder nichts besser wirkt. Wären Sie bereit das Risiko der Nebenwirkungen einzugehen? Oder würden Sie sich vielleicht für eine alternative Methode entscheiden, die aber praktisch nebenwirkungsfrei ist? 

 

Wenn Ihr Arzt Ihnen eine Operation vorschlägt - oder gar eine "ganz neue" Operationsmethode - dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie sich einem Operationsverfahren unterziehen, dessen Wirksamkeit niemals in kontrollierten Studien mit einer Placebo-Gruppe getestet wurde. 

 

1994 machte der amerikanische Chirurg J. Bruce Moseley ein kleines Experiment. Er nahm 10 seiner Patienten, die sich einer klassischen Knieoperation unterziehen mussten. Die ein Hälfte davon operierte er nach allen Regeln der Kunst. Die andere Hälfte bekam lediglich drei Schnitte am Knie versetzt und anschließend Drainagen versetzt, so dass es aussah, als wären sie operiert worden. Das Ergebnis? Beide Gruppen vermeldeten nach 6 Monaten die gleiche Reduktion von Schmerzen im Knie. (Sie können die ganze Story in der New York Times nachlesen). 

 

Könnte es sein, dass der Placebo-Effekt auch bei Operationen eine Rolle spielt? Und wie wirksam sind Operationen überhaupt? 

 

In einem Editorial aus dem Jahr 2016, erschienen im British Medical Journal, mit dem Titel "Arthroscopic surgery for knee pain" (zu Deutsch: "Arthroskopische Operation bei Knieschmerzen") bewerten die beiden Autoren die Kniearthroskopie als "eine höchst fragwürdige Praxis ohne Belege für eine auch nur mäßige Qualität". Dabei muss man bedenken, dass in UK und den USA zusammen jährlich gut 850.000 Kniearthropskopien durchgeführt werden. 

 

In einem klinischen Leitfaden für Kniearthroskopien, ebenfalls 2017 erschienen im British Medical Journal, schreiben die Autoren: "Wir sprechen uns deutlich gegen den Einsatz der Arthroskopie bei fast allen Patienten mit degenerativer Knieerkrankung aus... weitere Forschungen werden diese Empfehlung wahrscheinlich nicht ändern.". 

 

Ähnliches lässt sich bei Rücken- und Schulteroperationen feststellen. 

 

Man sollte an dieser Stelle bedenken, dass jede Operation stets einen prinzipiell lebensgefährdenden und hochriskanten Eingriff darstellt. Das gilt auch für sog. Routineoperationen. Hier finden auch starke Beeinträchtigungen des Fasziennetzes statt, die später nicht mehr zu beheben sind. 

 

Das bedeutet nicht, dass jegliche Operation unter allen Umständen zu vermeiden ist. Doch sprechen die Fakten dafür, dass eine gewisse Skepsis gegenüber operativen Verfahren berechtigt ist. 

 

Es ist halt nicht alles Fett was glänzt (oder so ähnlich).

Bildnachweis: Graham C99, "Operation" via flickr.com, Creative Commons BY 2.0

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