Das 24-Stunden Training

Bildnachweis: Michael & Sherry Martin, Creative Commons BY-NC-ND 2.0

 

Wieviele Stunden pro Woche trainieren Sie? Wieviele Stunden pro Tag? Wenn Sie jetzt vielleicht 30 Minuten am Tag oder ähnliches im Kopf haben, dann sind Sie weit entfernt von der Realität.

 

Ich behaupte, dass Sie eigentlich 24h am Tag trainieren. Jede Ihrer Bewegungen, Haltungen und Positionen ist ein Training für Ihren Körper. Die Bewegungsmöglichkeiten Ihres Körpers werden im Wesentlichen dadurch bestimmt, wie Sie sich täglich und in dominanter Weise benutzen. Genau so baut sich Ihr Körper hin.

 

Ihr Fasziennetz besteht aus Billionen von Zellen. Dieses Netz - stellen Sie sich das einmal wie ein gigantisches 3-dimensionales Spinnennetz vor - unterliegt permanenter Veränderung. Kleine Spinnen - die Fibroblasten - weben ständig Teile hinzu, verstärken hier, nehmen dort was weg. Dies in Abhängigkeit davon, welchen dominanten Bewegungs- und Haltungsmustern Ihr Körper ausgesetzt ist. 24 Stunden am Tag.

 

Ja, auch dann, wenn Sie schlafen!

 

Irgendwer hat einmal erhoben, bzw. ausgerechnet, dass der durchschnittliche moderne Mensch etwa 11,5 Stunden am Tag sitzt. Während Sie sitzen, ist ihr Hüftbeuger, der M. Psoas major, inaktiv und kurz.

 

 

 

Bildnachweis: Beth Ohara, Creative Commons BY-SA 3.0

 

 

Der Hüftbeuger ist ein ziemlich großer Muskel, gehört zur Kernmuskulatur und sorgt unter anderem für eine Aufrichtung im Oberkörper. Bei 11 Stunden am Tag wird sich der Hüftbeuger dauerhaft verkürzen. Wenn Sie nun stehen, wird der verkürzte Psoas einen Zug nach vorne bewirken. Da Ihr Körper aber das Bestreben hat in die Lotrechte zu kommen, arbeiten nun die Rückenstrecker dagegen, eben um Sie aufzurichten. Dies führt dann auf Dauer zu Schmerzen im unteren Rücken.

 

Der Grund ist, dass die Rückenstrecker nun permanent aktiviert sind. Es passiert dann exakt das, was passiert, wenn Sie eine 10kg Hantel bei gebeugtem Unterarm halten. Irgendwann tut's halt weh.

 

Eine Anpassung Ihres Sitzverhaltens ist ein ganz entscheidender Schritt, um den Hüftbeuger dauerhaft wieder zu verlängern.

 

Auch gibt es Übungen, die die Vorderseite und den Hüftbeuger strecken. Beispielsweise die Kobra, wie man sie aus dem Yoga kennt. Sie können auch im Stehen den Oberkörper langsam nach hinten beugen und die Hüfte nach vorn schieben, immer ein wenig mehr. Dies machen Sie 2-3 Minuten.

 

Wenn Sie 11,5 Stunden am Tag sitzen und nachts auf der Seite mit angezogenen Beinen schlafen, würden Sie - bei einer Nachtruhe von 8 Stunden - 19,5 Stunden, also fast 20!, in gekauerter, Psoas verkürzender Position verbringen.

 

Kann es dann noch wundern, wenn manche Menschen mit starken Rückenschmerzen herumlaufen?

 

Tipp

 

Sie müssen dahin kommen, dass Sie alles, was Sie tun als Übung betrachten. Sie trainieren Ihren Körper nämlich 24 Stunden am Tag. Die Trennung zwischen Training und anderer Bewegung ist nämlich eine reine Kopfgeburt. Ähnlich etwa wie die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Das sind hervorragende Konzepte, um sich das Leben möglichst schwer zu machen.

 

Das 24 Stunden Training sollte natürlich der menschlichen Anatomie gerecht werden.

 

  • Ändern Sie Ihr Sitzverhalten. Wie man richtig sitzt, lesen Sie hier
  • Schlafen Sie auf dem Rücken, wann Sie können. Das verlängert nämlich im Schlaf den Hüftbeuger
  • Bewegen Sie Ihre großen Gelenke regelmäßig über die komplette Bewegungsamplitude
  • Lernen Sie wieder Ihre Hüfte, Ihr Becken zu benutzen
  • Erarbeiten Sie sich einen größeren Bewegungsreichtum. Was das ist und wie das geht, verrate ich in einem der nächsten Beiträge
  • Üben Sie tiefe Hocke ("Asian Squat")
  • In Ergänzung (!) dazu können Sie sinnvolle Übungen machen, die zu Ihrem sonstigen Verhalten einen Kontrapunkt setzen, etwa Rückwärtsbeugen

 

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