Wer misst, misst Mist

Das ist der erste Grundsatz der Messtechnik. Jedenfalls hat uns
das unser Physiklehrer in der 7. Klasse beigebracht. 30 Jahre
habe ich diesen Spruch für einen Kalauer gehalten. Doch dann habe
ich herausgefunden, dass der stimmt.

Wenn man etwas misst bekommt man im Ergebnis Zahlen. Was aber
sagen solche Zahlen aus? Nehmen wir an, man misst in der
Arztpraxis Ihren Blutdruck und der ist "zu hoch".

Es ergeben sich nun eine Vielzahl von Fragen:

  • Was bedeutet "zu hoch"?
  • Ab wann ist er "zu hoch"?
  • Und wer ist der Maßstab?
  • Wie ist das zu interpretieren?
  • Was ist die Ursache?
  • Muss man was "dagegen" tun?
  • Und wenn ja, was?


Unterschiedliche Leute können die gleichen Messungen
unterschiedlich bewerten.

Was wäre bspw., wenn ein hoher Blutdruck an sich gar keine
"Krankheit" ist, sondern anzeigt, dass ein Bereich im Körper aus
welchen Gründen auch immer von der Blutversorgung abgeschnitten
ist und der Körper den Druck erhöht, damit dieser versorgt wird.
Und was würde passieren, wenn man jetzt den Blutdruck senkt?

Sie können dieses Spiel mit beliebigen Blutwerten durchspielen.

Das Rumgemesse kann nicht nur eigentlich kerngesunde Menschen
krank messen, sondern auch dazu führen, dass Sie jeglichen
Kontakt zum eigenen Körper verlieren.

So kommt jüngst eine Studie mit dem Titel "Calorie counting and
fitness tracking technology: Associations with eating disorder
symptomatology." zu folgenden Ergebnissen:

  • Das Messen von Kalorien steht in Zusammenhang mit verminderter Kalorienaufnahme und einem "Sich-sorgen" beim Essen
  • Das Messen von Fitnesswerten eignet sich zur Vorhersage von Esstörungen
  • Das Messen von Gesundheitswerten steht in Zusammenhang mit Essstörungen. Sowohl hinsichtlich der mentalen Einstellung, als auch im Verhalten.


Im Ergebnis wird vermutet, dass diese Messtools bei der Mehrheit
der Anwender eher schaden als nutzen.

Das Messen führt also bei den Probanden zu Problemen, die sie
ohne Messungen gar nicht gehabt hätten.

Ich bin der Ansicht, dass unser Körper über ausreichend eigene
Mess- und Feedbackinstrumente verfügt.

"Schmerz" ist einer davon - und nicht immer nur negativ. Wenn Sie
bspw. nach einer faszientherapeutischen Sitzung irgendwo ein
Ziehen bemerken, dann ist das ein Umbauschmerz und eben gut. Ihr
Körper beginnt sich neu auszurichten.

Wir müssen unsere körpereigenen Signale nur wieder (richtig)
lesen lernen.

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