Was machen Tiere anders?

"Tiere bewegen sich weitaus lockerer und leichter als Menschen. Ein Hund läuft geschmeidiger und beweglicher als sein Herr. Ein Rennpferd bewegt sich unvergleichlich viel eleganter als der Jockey. Am attraktivsten bewegen sich wahrscheinlich Katzen. Sie besitzen alle, von der Hauskatze bis zu Tiger und Löwe, eine Qualität der Bewegung, die für den Menschen unerreichbar scheint.

Die Frage liegt nahe, was den Unterschied in der Bewegung von Mensch und Tier ausmacht. Die Antwort ist nicht einfach, weil es schon äußerst schwer ist, eine bestimmte Art, sich zu bewegen, genau und objektiv zu beschreiben. Etwas fällt aber sofort auf, wenn man die Bewegungen vergleicht: Tiere bewegen sich viel einheitlicher als Menschen. Die individuellen Unterschiede in der Art, wie sich zwei Katzen bewegen, ist gering.

Dagegen bewegen sich zwei Menschen niemals gleich, und meistens sind ihre Bewegungen sogar so verschieden, dass man kaum Gemeinsames findet.

Der Grund dafür liegt darin, dass Tiere sehr stark von Instinkten geprägt sind. Sie haben keine Wahl. Katzen können sich gar nicht anders als katzenhaft bewegen. Beim Menschen sind diese Instinkte verblaßt, die Bewegungsmuster werden relativ frei erlernt.

Die Art eines Menschen, sich zu bewegen, ist deshalb das Resultat von vielerlei Einflüssen. Normen und Werte der Gesellschaft, familiäre Vorbilder, persönliche Vorlieben und Abneigungen bestimmen die individuellen Bewegungsmuster neben den genetischen und körperlichen Gegebenheiten.
Menschliche Bewegung ist nie 'natürlich' wie die eines Tiers, sondern immer 'kulturell'.

Im Vergleich schneiden die von Menschen entwickelten Bewegungsformen gegenüber den von der Natur vorgegebenen der Tiere jedoch eher schlecht ab.
Tiere bewegen sich meist leichter, lockerer, flüssiger, harmonischer, geschmeidiger, sinnlicher, vitaler und in einem besseren Gleichgewicht als Menschen.

Es scheint erstrebenswert, sich etwas von dieser tierischen Bewegungsqualität anzueignen. Dazu können wir uns allerdings nicht auf unsere Instinkte zurückbesinnen: sie sind in dem Maße gar nicht mehr vorhanden. Es gibt auch hier kein simples 'Zurück zur Natur'." - Dr. med. Hans Flury in: "Die neue Leichtigkeit des Körpers".

Kater Paul
Kater Paul (c) Elisabeth Schmieder

Was der Arzt und Faszientherapeut Hans Flury hier so eindringlich beschreibt ist eine Beobachtung, die wir auch im Alltag machen können. Wenn Sie sich an einem schönen Frühlingstag in ein Café in der Innenstadt setzen, dann werden Sie sehen, wie unterschiedlich die Bewegungsmuster von Person zu Person sind. Manche Menschen haben einen so markanten Gang, dass man sie schon auf einem Kilometer als "Peter" erkennt.

In der Tat sind die Gründe dafür vielfältig. Der moderne Mensch hat sich ein Umfeld geschaffen, das seinem natürlichen Bewegungsmuster nicht mehr entspricht. Das fängt an bei Stühlen, die Ihre komplette Körperstruktur dauerhaft negativ beeinflussen, über vollkommen verkehrtes Schuhwerk und hört bei kulturell verankerten Glaubenssätzen wie "Man muss den Bauch trainieren" auf.

Die Frage, die Flury stellt, ist absolut korrekt: Wieso sind die Unterschiede zwischen Menschen so groß und zwischen Tieren nicht?

Unser Kater (namens "Paul") macht den lieben langen Tag eigentlich nichts, außer rumliegen. Wenn er dann aufsteht, streckt er sich kurz, um dann locker in die Küche zu gehen. Trotzdem ist er in der Lage ganz locker und geschmeidig auf einen hohen Schrank zu springen. Und noch nie hat man einen Kater gesehen, der beim lossprinten einen Sehenabriss hatte - so wie es der Vielzahl unserer Profisportler gerne passiert.
Und vor allem: Man hat auch noch nie beobachtet, dass Tiere "Übungen" machen. Ein Vogel übt nicht das Fliegen, er fliegt. Und weil er fliegt, bleibt er auch sein Leben lang geschmeidig.

Wenn es uns nun gelingt, uns in unseren Bewegungsmustern und der Bewegungsqualität an unsere natürlichen Bewegungsmuster zu orientieren, wenn wir uns dann, wenn wir uns bewegen, so bewegen wie ein Mensch, so brauchen wir keine separaten Übungen mehr, weil wir den ganzen Tag üben.

Es kommt nämlich gar nicht darauf an, wie häufig man bestimmte künstliche "Übungen" macht. Es geht immer um Bewegungsqualität.


Oder salopp ausgedrückt: 1 mal richtig bewegen bringt mehr, als 100 mal scheiße bewegen.
Wenn Sie aber lernen, sich den ganzen Tag, bei jeder Einzelbewegung, richtig zu bewegen, dann brauchen Sie auch keine "Übungen" mehr. Denken Sie nur an die viele Zeit, die Sie sparen!

Für die meisten ist das zunächst ein sehr seltsamer Gedanke, weil ja all die Fitnessexperten und Sportwissenschaftler und Ärzte da draußen was vollkommen anderes erzählen.

 

Nun, vielleicht hilft Ihnen der Gedanke, dass das, was zu einer bestimmten Zeit von der Mehrzahl der Leute geglaubt oder erzählt wird zu mindestens 90% Quatsch ist. Das war im Mittelalter nicht anders als heute. Die Gelehrtesten ihrer Zeit waren der festen Überzeugung, dass die Erde eine Scheibe ist. Nur einige wenige sahen das anders - und hatten Recht.

 

Sie müssen nur Tiere oder kleine Kinder beobachten und Sie stellen fest, dass diese auch ganz ohne stundenlanges Training sehr geschmeidig und wenig bis gar nicht verletzungsanfällig sind.

 

Es gibt durchaus Methoden, die sich dem Thema Bewegungsqualität widmen. Solche Methoden wären bspw. Hanna Somatics oder Feldenkrais. Oder eben das Senmotic-Unwinding.

 

Aber auch hier sollten die Übungen niemals Selbstzweck sein, sondern eine Brücke, die Ihnen wieder zu einem funktionalen und naturgerechten Körper verhilft. Denken Sie immer daran: Ein Vogel übt auch nicht. Oder anders ausgedrückt: Das Ziel der Übens ist das Nicht-Üben!

 

 

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